Kräftezerrend…

Meine Freundin sagte letztens zu mir: Ich weiß gar nicht, woher du immer die ganze Kraft nimmst.

Sie kennt mich wirklich gut und weiß, dass ich immer irgendwo am Ende bin, dass wir wie so viele andere Eltern besonderer Kinder an vielen Fronten kämpfen und für unsere Kinder alles versuchen, um ihnen so gut es geht zu helfen, um durch dieses Leben zu kommen. Wir schlagen uns mit Ämtern herum, führen viele Gespräche mit Lehrern, Erziehern, Schulbegleitern, Ärzten, Therapeuten und anderen Eltern. Immer wieder erklärt man die Besonderheiten des eigenen Kindes, versucht zu sensibilisieren, zu beschwichtigen und hofft, dass wenigstens etwas hängenbleibt und vielleicht umgesetzt wird.

Dann stellen sich viele auch noch dem Spagat zwischen Familie und Arbeit, das ist zusätzlicher Stress, den man einerseits nicht benötigt, andererseits ist es sehr angenehm mal herauszukommen und sich mit anderen Dingen beschäftigen zu können. Aber das alles klappt nur, wenn man einigermaßen mit seinem Chef auskommt, wenn dieser möglichst noch Verständnis hat für die Situation und man somit auch mal spontan frei nehmen kann oder früher gehen kann, weil das Kind abgeholt werden muss (und zwar nicht weil es krank ist, sondern weil es einfach überfordert ist und nicht mehr kann). Idealerweise hat man ein Umfeld auf das man zurückgreifen kann, damit das Kind schnell und spontan abgeholt werden kann, wenn man selber nicht sofort verfügbar ist.

Das alles bringt einem immer wieder ans Ende der Kräfte. Eigentlich arbeitet man gefühlt immer auf einem gewissen Stresslevel, ist immer in Bereitschaft und auf dem Sprung. Selbst zu Hause, wo alles ruhig ist, beobachtet man jede kleine Veränderung genau, um nach Möglichkeit rechtzeitig eingreifen zu können, um einen Meltdown, Overload oder schlimmeres zu vermeiden.

Wie aber kann man selber verhindern in einen Burnout zu rennen? Ich sehe selber, dass ich mal wieder kurz davor stehe, dass nicht viel fehlt und es geht nicht mehr weiter, mein Körper wird wieder reagieren und die nächste Grippe oder ähnliches ist quasi vorprogrammiert, so dass man zur Ruhe gezwungen wird. Ich versuche mir Ruhepausen zu gönnen, Spaziergänge mit meiner Freundin oder auch nur mit dem Hund, kleine Pausen, in denen ich mir einen Babysitter gönne oder Ausflüge mit der Familie am Wochenende im Rahmen der Möglichkeiten, dazu ein Hobby, bei dem man abschalten kann (fotografieren, nähen). Aber derzeit reicht das einfach nicht. Ich bräuchte gerade mal eine Auszeit, einfach mal raus, nur ich (okay der Hund darf mit). Mal wieder durchatmen und neue Kraft tanken. Aber wer von uns hat schon diese Möglichkeit einfach mal auszusteigen für ein Wochenende. Nein stattdessen überhäufen sich derzeit hier die Termine, das setzt mich zusätzlich unter Druck und ich sehe kaum Auswege, diesen zu entgehen. Ich weiß es wird wieder besser und der Frühling kommt auch ganz sicher und wird mit wärmeren Wetter und ein paar Sonnenstrahlen schon für etwas bessere Laune sorgen, aber derzeit bin ich einfach nur ausgelaugt. Ich funktioniere nur noch für meine Familie und auf Arbeit. Und immer dann schleichen sich ganz leise Fragen in den Kopf, die immer beginnen mit: Was wäre, wenn… Ich führe das nicht weiter aus, ich werde weiter nach vorne schauen, nach außen tough wirken und für meine Kinder kämpfen. Immerhin habe ich noch einen Ehemann, der mir den Rücken stärkt, der mit mir leidet und sein Bestes gibt sich auf seine Weise einzubringen und der auch versteht, dass ich abends, sobald die Kinder im Bett sind, einfach auf der Couch einschlafe.

Woran erkennst du eigentlich…?

Gestern war ein großer Tag, es stand eine Verabredung mit einem Kind aus der Klasse an, mit dem er vorher noch nichts zu tun hatte. Ich kannte bis dato weder die Eltern, sicher hatte man sich mal auf einem Elternabend oder einer Schulveranstaltung gesehen, aber ich hatte kein Bild vor Augen, weder vom Kind noch von den Eltern. Wir verabredeten, dass ich dabei bleiben würde und wir so auch ein bisschen Zeit zum Quatschen hätten.

Kurz bevor wir losfahren wollten, fragte ich Junior wie denn sein Klassenkamerad aussehen würde, ich wusste wirklich nicht welches Kind zu diesem Namen gehört. Daraufhin beschrieb er mir, dass F. schneller sprechen würde als seine beiden Freunde. Ich stutzte kurz und fragte wie F. denn aussieht, da schaute mich der Kleine an und zuckte mit den Schultern. Ich hakte nach und wollte nun wissen, woran er die anderen Kinder denn erkennt und wie er sie auseinanderhalten kann. Die Antwort war wirklich höchst interessant:

Na Mama, an der Stimme und manchmal an den Haaren. Vor allem bei den Mädchen eher an den Haaren.

Im weiteren Gesprächsverlauf fand ich heraus, dass Gesichter für ihn alle gleich aussehen bzw. er Gesichter gar nicht richtig wahrnehmen kann, nur bei der Familie ginge das manchmal.

So durfte ich wieder einmal ein Stück mehr in seine Welt eindringen. Ich finde es immer wieder faszinierend.

Das Treffen verlief dann im Übrigen recht positiv, es wurde schön gespielt und er redete sogar mit den Eltern seines Freundes, was keine Selbstverständlichkeit ist. Wie anstrengend solch ein Spielbesuch für ihn ist, zeigte sich dann allerdings mit einem Meltdown am Abend.

Inklusion? Exklusion!

Heute widme ich mich mal aus gegebenem Anlass dem Thema Inklusion.

Das ist sicher ein Thema, dass vielen unter den Nägeln brennt, vor allem denen, die davon betroffen sind.

Unser Sohn geht in eine OGGS mit Ferienbetreuung, er hat für die Schul- und Betreuungszeit eine Begleitung, auch für die Ferienbetreuung wurde ihm eine Begleitung zugesprochen. Das ist toll und nicht selbstverständlich. Diese Begleitung ist nicht für ihn alleine zuständig, also keine 1-zu-1 Begleitung, was erst mal gar kein Problem darstellen sollte.

Im Vorwege gibt es immer einen groben Plan mit den geplanten Aktivitäten für die Ferienwoche, das ist toll, so können wir uns darauf vorbereiten. Diese Woche war ein Kinobesuch geplant. Filme sind immer so eine Sache, er schaut am liebsten bekannte Filme, unbekannte sind schwierig, gehen aber im Wohnzimmer an guten Tagen, wenn man mit Mama oder Papa kuscheln kann. Kino ist ihm nicht unbekannt, aber auch hier braucht es einiger Vorbereitung und eigentlich geht er lieber nicht ins Kino. So haben wir ihn mit Trailern etc. darauf vorbereitet. Da er nichts negatives sagte, um genau zu sein, hat er gar nichts gesagt, hofften wir, dass das schon klappen wird.

Es kam der Abend vor dem Kinobesuch, entgegen seiner sonstigen Neigung, konnte er einfach nicht einschlafen und auch als er endlich schlief, war er sehr unruhig. Schon beim Aufwachen hatte er schlechte Laune und polterte herum. Bis er endlich sagte: Ich gehe nicht ins Kino! Da war endlich klar, was los war. Nichts gutes ahnend sind wir zur Betreuung gefahren. Vor Ort habe ich die anwesende Betreuerin angesprochen, dass er nicht in den Kinofilm geht. Sie hat ihn versucht zu ermutigen, aber seine Entscheidung stand felsenfest: Kein Kino! Noch hoffte ich auf eine alternative Lösung, aber die gab es scheinbar nicht: Ich könnte ihn ja um 10:30 abholen, denn da gehen sie los zum Kino. Nein kein schlechter Witz, im Normalfall fahre ich 60 Minuten zur Arbeit, es war 8:00. Ich hätte also immerhin 30 Minuten arbeiten können. Mein Glück, dass ich an diesem Tag von zu Hause arbeiten konnte, also nahm ich ihn wieder mit.

So verbrachte ich den Tag zwischen Büro und Kinderzimmer pendelnd… Hunger? Ja nimm deine Brotdose bitte. Vergiss das Trinken nicht! Geh bitte zur Toilette! Nein ich habe ein Kundengespräch, ich kann jetzt nicht. Entschuldigung an den Kunden, ich rufe gleich zurück, ich müsste hier kurz was klären. Kein Wunder, dass ich meine Arbeitszeit nicht ausfüllen konnte, ich kann es ja an den anderen Tagen nacharbeiten…

Nachmittags holen wir die große Schwester ab, die fand Kino toll, aber mehrere Kinder seien frühzeitig raus, einige hätten geweint, die Begleitung fand den Film nicht unbedingt passend.

Was lernen wir daraus? Sein Bauchgefühl war passend. Aber warum gab es keine Alternative? Warum ist am nächsten Tag ein Ausflug der Schüler aus 3. und 4. Klasse möglich, während die Schüler der 1. und 2. Klasse vor Ort bleiben, aber warum ist es nicht möglich, dass für Kinobesuch/Theater oder andere Aktivitäten zwei Gruppen gebildet werden? Was wäre gewesen, er hätte sich erst vor Ort verweigert und nicht schon zu Hause? Wo bleibt hier die hochgelobte Inklusion und wozu benötigen wir eine zusätzliche Begleitung, wenn dann aber nicht auf seine Besonderheiten eingegangen werden kann? Und ehrlich, er macht ansonsten wirklich nicht viel zusätzliche Arbeit, er ist sehr ruhig und still, neigt nicht zu Ausrastern oder Aggressivität, er ist sehr beliebt bei Kindern und Betreuern, dies ist nicht meine Aussage, sondern kommt von Begleitung und Betreuern. Nun wird es einmal unangenehm und dann entledigt man sich dieser Last lieber? Aus anfänglichem Frust, ist mittlerweile Ärger und Wut geworden. Muss man sich das so bieten lassen? Der Träger ist mittlerweile von mir über den Vorfall informiert worden. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktion.

Sehe ich es so falsch, dass das ein gutes Beispiel dafür ist, dass Inklusion so nicht funktioniert?

Die Schule ist gestartet…

Vor rund einer Woche ist die Schule nun gestartet.

Eine Woche vor Schulstart bekamen wir die Genehmigung für unsere Schulbegleitung und auch noch eine Fachkraft, das erste Gespräch verlief super und wir haben wirklich einen Glücksgriff gelandet. So konnten wir auch Junior schonmal etwas beruhigen.

Nichts desto trotz bekam er kur vor der Einschulung noch eine Bronchitis. Klar er war aufgeregt, musste auch schon ein paar Tage in die Ferienbetreuung gehen, das war sehr viel und er war nachmittags beim Abholen auch immer sehr müde und weinerlich und sein Hustentick wurde tagtäglich schlimmer. Das Ganze endete dann mit der besagten Bronchitis, die wir dank Cortison und inhalieren gut und schnell in den Griff bekommen haben.

Er selber äußerte noch am Tag der Einschulung, dass er nicht hingehen möchte. Total verständlich, neue Situation, neue Gesichter und alleine der Tumult bei der Einschulung, ich konnte ihn ja so gut verstehen. Da er aber auch unbedingt seine Schultüte auspacken wollte, konnten wir ihn gut überreden mit uns mitzukommen.

Die Einschulunsgfeier war sehr schön, allerdings das Gewusel auf dem Schulhof vorher und die Lautstärke einfach viel zu viel. Dann mussten die frischen Erstklässler auch noch durch einen Spalier laufen, klar das er das nicht alleine gemacht hat, also bin ich an seiner Hand mitgelaufen und habe ihn zu seinem Platz in der ersten Reihe gebracht. Opa gesellte sich zu ihm an die Seite und filmte fleißig, so dass er gar nicht das Gefühl hatte alleine zu sein dort vorne. Zum Schluss wurden die Kinder dann aufgerufen und sind mit ihrer Lehrerin in die Klasse gegangen, da war dann die Schulbegleitung auch schon dabei. Während die Kids also ihre erste Schulstunde erlebten, durften wir Erwachsenen uns mit Kuchen (trocken, gesund und nicht wirklich lecker 😉 ) und Kaffee die Zeit vertreiben, dabei kam man natürlich mit vielen Eltern ins Gespräch und die Zeit verging ganz schnell.

Er hat die erste Stunde sehr gut gemeistert und zu Hause ging es dann weiter mit Familie, Geschenken und Essen, dabei hat Junior es wirklich toll geschafft seine Ruhezeiten selber zu nehmen und hat seine Lego-Sachen aufgebaut. Der Tag verging wie im Fluge und er ist abends total erschlagen ins Bett gefallen.

Mittlerweile sind also ein paar Schultage vergangen, er hat sich recht gut eingefunden und geht bisher gerne hin. Mit seiner Schulbegleitung stehen wir in engem Austausch und sie ist wirklich so toll, sieht seine Bedürfnisse und ist voll des Lobes für ihn. Nun müssen wir noch die Begleitung für die Nachmittagsbetreuung durchbekommen und dann steht einer erfolgreichen Schulzeit nichts im Wege 🙂

Die Einschulung rückt näher…

Nur noch einen Monat Kindergarten und dann heißt es : Schule. Das ist natürlich ein heißes Thema und jeder geht da mit gemischten Gefühlen heran, auch Eltern von NT-Kindern.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, die Schultüte ist angekommen und muss noch fertig gebastelt werden, der Ranzen besorgt, die 5 Wochen zwischen Ende der KiTa und Anfang der Schule betreuungsmäßig gesichert und ganz wichtig der Antrag für die Schulbegleitung ist gestellt. Der Termin beim Gesundheitsamt positiv, die Ärztin hat ebenfalls bestätigt, dass eine SB benötigt wird (also sie hat ihm einen Entwicklungsrückstand von 6 Monaten oder mehr bescheinigt). Nächste Woche kommt der Mitarbeiter vom Jugendamt zu uns zum Hausbesuch, was er da sehen will? Ich habe keine Ahnung. Außerdem hospitiert der Autismusbeauftragte in der KiTa und, ein großes Lob für diesen nebenbei, er richtet sich auf die Zeiten ein die unsere Erzieher als am besten erachten, er hatte eine Uhrzeit angepeilt zur Freispielzeit, dort würde er voraussichtlich ein glücklich spielendes Kind erleben. Nun kommt er direkt morgens und erlebt Anziehsituationen, Frühstück und Morgenkreis. Ich bin begeistert. Schon bei den Telefonaten wirkte er sehr sympathisch.

Außerdem haben wir beim Elternabend die Klassenzuteilung erfahren und auch die ist sehr positiv. Er kommt zusammen mit drei Freunden in eine Klasse und er bekommt eine sehr engagierte, sympathische Lehrerin, die selber Kinder hat. Der Klassenraum liegt ganz toll, sehr ruhig, keine anderen Klassen drum herum und es wird ruhige Arbeitsplätze im Flur geben. Außerdem wollte sie unbedingt mit uns sprechen, gerne schon vor dem Elternabend, was leider aus internen Gründen nicht erlaubt wurde. Nun haben wir bald ein Elterngespräch mit ihr, außerdem darf ich ihn am Schnuppertag (welcher noch vor dem Gesprächstermin stattfindet) begleiten, wenn das für ihn besser ist. Auch die anderen Eltern hat sie beim Elternabend indirekt informiert, dass es eine Schulbegleitung in der Klasse geben könnte. Auch wofür diese gut ist und warum es Kinder gibt, die eine Schulbegleitung benötigen (sehr allgemein gehalten). Und sie hat gesagt, dass sie keine Ausgrenzungen akzeptiert in ihrer Klasse. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein, oder? Ich bin wirklich sehr gespannt, aber mein Bauchgefühl ist dank diesem Elternabend etwas besser.

Der Kleine möchte nach wie vor nicht in die Schule gehen, er würde lieber in der KiTa bleiben oder noch besser bei Mama zu Hause. Wir versuchen das Thema so gut es geht von ihm fern zu halten, aber es ist eben doch sehr präsent und auch bei seinen KiTa-Kumpels immer wieder angesprochen. Ich denke der Abschied von der KiTa, die eine tolle Arbeit geleistet hat, die ihm so viel Selbstvertrauen gegeben hat, die ihm immer seine Rückzugsmöglichkeiten gegeben hat, ihn aber auch gefordert hat wird uns allen schwer fallen. Für mich ist es ein Abschied nach 7 Jahren, da auch die Große schon dort war und ich bin ehrlich, die Erzieher sind ein Teil der Familie geworden, gute Freunde, Wegbegleiter. Sie hatten auch für uns Eltern immer ein offenes Ohr, standen in ständigem Austausch mit uns und waren uns Stütze in schweren und guten Zeiten, haben mit uns gelacht und gelitten und waren über die Diagnose zwar auch erst erschüttert, aber doch auch erleichtert, dass wir nun endlich wussten was los ist. Ich glaube, nein ich weiß, dass wir uns keine besseren Erzieher hätten wünschen können.

Es bleibt nur der Blick nach vorne, positiv denken, es wird alles so kommen, wie wir das brauchen. Das hat bisher immer geklappt und wird auch dieses Mal wieder funktionieren.

Innenansichten

Würde nicht jeder von uns gerne mal bei seinen Kindern in den Kopf schauen können? egal ob NT oder Autist? (NT steht übrigens für neurotypisch)

Gespräche mit unserem Sohn sind… sagen wir mal… anders. Das trifft es wohl am besten. Unsere Tochter würde sagen, er ist so kompliziert. Er kann über seine Themen ewig sprechen, endlose Monologe oder beim Spielen wird genau kommentiert was er jetzt macht und er braucht Bestätigung von uns, um sicher zu gehen, ja wir hören dir zu. Das ist ihm wichtig. Es gibt auch Tage da sehen und hören wir ihn kaum, da ist er in seinem Zimmer und vergisst alles um sich herum. Zum Trinken stürmt er schnell zum Wasserhahn, Essen ist nicht wichtig.

Mit ihm über Themen zu sprechen, die ihn nicht interessieren, quasi unmöglich, eine Antwort muss man dann nicht erwarten oder er antwortet mit einer Gegenfrage zu einem völlig anderem Thema. Manchmal ganz schön frustrierend, sicher nicht nur für uns. Mit Fragen ala „Wie war es heute?“ „Wie geht es Dir?“ und ähnlichem braucht man eigentlich gar nicht daher zu kommen, die Antworten dazu sind einsilbig, immer gleich „Gut“. Ist die einfachste Antwort, er hat gelernt, dass dann am wenigstens Nachfragen kommen, aber das spiegelt nicht sein Innerstes wieder. Wir sind mittlerweile zu Farben übergegangen, denn er empfindet scheinbar in Farben, das ist nicht ganz einfach und ihm selber bereitet es auch Schwierigkeiten, seine Gefühle immer richtig einzuordnen, die Farben wechseln hin und wieder, einige verschwinden oder die Bedeutung verändert sich. Alles tagesformabhängig, aber definitiv eine Chance. Eine Chance für uns ihn besser zu verstehen, eine Chance für ihn uns besser  verständlich zu machen, was er fühlt.

Und dann gibt es diese wunderschönen Momente, wo er sich öffnet, wo er mich ein Stück hineinlässt in seine Welt, wo ich erfahren kann wie er denkt. Diese Momente sind so einzigartig, dass man sie einfach festhalten muss. Er ist und war schon immer ein kleiner Philosoph und dieser Philosoph findet dann manchmal den Weg aus seinem Kopf direkt zu uns.

Neulich im Auto, es war schön ruhig, er genoss es, an seinem Blick konnte ich sehen, wie er abwesend war, ganz in seine Welt vertieft, als er plötzlich sagte: „Mama, ich mag Denken. Ich muss immer über irgendwas Nachdenken. Das ist schön. Aber manchmal ist es auch schwierig.“ Vorsichtige Frage meinerseits: „Warum ist es manchmal schwierig?“ Und tatsächlich gab es eine Antwort: „Weil ich ja nicht immer alles weiß und dann kann ich nicht weiterdenken.“ In der Tat, das muss furchtbar frustrierend sein in seinen eigenen Gedanken festzustecken. Ich wies ihn darauf hin, dass er ja fragen kann, wenn er etwas nicht weiß, damit war das Thema beendet.

Eine weitere Begebenheit möchte ich noch festhalten, er war zuletzt einen Tag zuhause, die Vorschulgruppe bei einer Veranstaltung, die für ihn vermutlich Höchststrafe gewesen wäre, er in der Woche eh schon etwas überfordert, also haben wir uns zu zweit einen schönen Tag gemacht. Schon beim Zähne putzen beschlossen wir in den Wald zu gehen, nur wir zwei, er legte die Ziele fest und so frühstückten wir gemütlich, er durfte noch seine Serie zu Ende schauen und dann gingen wir bei schönstem Schietwetter nach draußen, beide komplett in Regenmonitur und mit wasserdichten Wanderschuhen ausgestattet, im Rucksack was zu trinken und was zu snacken. Er war ausgesprochen fröhlich und redete ununterbrochen, er sprang durch die Spuren der Forstmaschinen, erzählte mir wie hier letztens die Bäume gefällt und abgesägt wurden und zeigte mir den Weg, den er gehen wollte. Wir liefen und liefen, es war traumhaft schön, er grinste über das ganze Gesicht und auf dem Rückweg kam der kleine Philosoph durch: Was ist, wenn es keine Menschen mehr gibt, kommen dann die Dinosaurier irgendwann wieder und fängt dann alles von vorne an? Und wenn ja, dann möchte er wieder mein Sohn sein, sobald es wieder Menschen gibt 🙂 Und wieso kann man Hundewelpen kaufen, aber keine Kinder? Wie sind die ersten Esel auf die Welt gekommen und wieso trifft man keine Esel im Wald? Er wartete auch geduldig auf meine Antworten, konnte damit leben, wenn ich es ihm auch nicht sagen konnte und er plante seine Zukunft, wo er lebt, wen er heiratet, was er arbeitet, alles fest durchgeplant. Nach 2,5 Stunden waren wir wieder zu Hause, wir haben keine Pause gemacht, waren wirklich nur am spazieren gehen und haben beide diese Zweisamkeit total genossen.

Diagnose – was hat sich geändert?

Die Diagnose ist nun knapp 1,5 Monate her und manchmal frage ich mich, was hat sich eigentlich geändert?

Auf den ersten Blick eigentlich nicht viel, der Alltag geht weiter wie bisher, Therapien, Aktivitäten etc. alles ist unverändert geblieben… Ist dem wirklich so?

In unserem Kindergarten (Waldkindergarten mit Nachmittagsbetreuung im Haus) lief es schon vor der Diagnose sehr gut, die Erzieher haben sich viel Zeit genommen für ihn und hatten fast immer ein Auge für seine Bedürfnisse (Thema: Rückzug, Ruhezeit, Essensschwierigkeiten). Nach der Diagnose hatten wir einen sehr netten Abend mit Erzieherin und Heilpädagogin. Wir haben konkret besprochen, was man ihm gutes tun kann, wie man ihn unterstützen kann. Herausgekommen ist: Einsatz eines TimeTimers, da er gerade im visuellen sehr begabt ist, aber eben gar kein Gefühl für zeitliche Abläufe hat. Außerdem konkretes Benennen von Zielen, nicht einfach Herumlaufen im Wald, sondern ansagen es geht zum Platz xyz, weiterhin kein Druck beim Essen ausüben (wurde allerdings eh nicht gemacht) und wenn es doch mal nicht in den Wald geht oder die Kinder in andere Gruppen müssen (Worst-Case-Szenario bei uns), darauf achten, dass er möglichst selber aussuchen kann wo er hin möchte und mit wem. Dann noch so Kleinigkeiten wie Sitzplätze nicht verändern, Abläufe möglichst beibehalten etc. Gerade letzte Woche bekam ich von unser Erzieherin eine positive Rückmeldung, wie schön es sei, dass wir nun die Diagnose haben, dass sie die Chance haben vor der Schule ihn noch richtig zu unterstützen und dass man nun bei vielem einfach weiß, das ist gar keine Bockigkeit, sondern das gehört zu ihm und darauf muss man achten. Ich kann euch gar nicht sagen wie dankbar ich bin für diesen Kindergarten!

Dann die Familie… Auch hier hatten wir schon immer tolle Unterstützung, große Akzeptanz und jetzt große Erleichterung 😉 Denn gedacht hatten alle schon einmal an Autismus. Einzig unsere große Tochter hat daran zu knabbern, dass ihr Bruder anders ist. Wir haben natürlich kindgerechte Literatur (Ich bin Loris) bestellt und natürlich auch mit ihr darüber geredet. Dass ihr Bruder anders ist, war ihr ja durchaus schon bewusst, aber jetzt sicher zu wissen, dass es sich auch nicht groß ändern wird, das war und ist für sie schon schwer zu begreifen. Aber sie verhält sich ihm gegenüber nicht anders, sie streiten und lieben sich wie eh und je und genau so muss das auch sein. Was haben wir verändert? Wir lassen uns mehr auf ihn ein und akzeptieren seine „Eigenarten“ mehr als früher schon. Wir versuchen zu erkennen, wo wir noch was ändern können, um ihn vor Überlastung zu schützen oder wie wir zu seiner Entspannung beitragen können. Das Ganze immer so, dass es auch für die ganze Familie funktioniert, was zuweilen nicht ganz einfach ist. Außerdem schlagen wir uns gerade durch den Behördendschungel, um für den Herbst eine Schulbegleitung zu bekommen.

Und nicht zu vergessen die Freunde… Für einige kam die Diagnose überraschend (Ich sehen bei ihm keinen Autismus), für andere war es wie für uns erleichternd. Da wir ja nun wissen, wo er begabt ist und wo er Hilfestellung benötigt, oder auch was ihn belastet (laute Geräusche) und was ihn entlastet (derzeit zählen), versucht besonders eine Freundin auch bei sich zu Hause die richtigen Bedingungen zu schaffen und hat vor allem auch für mich immer ein offenes Ohr. Die meisten anderen, denen man es überhaupt erzählt hat, haben es zur Kenntnis genommen.

Ihr seht, eigentlich hat sich nichts geändert und dann doch wieder eine Menge. Wir wachsen in das Thema rein und passen uns ihm an und nicht andersherum. Wir lieben ihn so wie er ist, warum sollten wir ihn auch ändern wollen? Sicher gehört er auch zu denen, wenn man das überhaupt so sagen kann, die „milder“ betroffen sind. Zumindest nach außen, was in seinem Inneren ist, da bekommen wir ja nur hin und wieder Einblicke, aber dazu später mehr.